26gesundheit: Herr Hutter, seit über 20 Jahren leiten Sie mit Ihrer Frau zusammen Ihr Sanitätshaus in Verbindung mit der Reha- und Orthopädietechnik und haben sich über die Grenzen Ihres Einzugsgebietes hinaus vor allem einen Namen durch Ihre hervorragende und innovative orthopädische Abteilung gemacht. Was zeichnet gerade den Bereich Orthopädie bzw. Prothetik in Ihrem Hause so aus?
Simon Hutter: Die Prothetik befasst sich mit dem Ersatz von fehlenden Gliedmaßen. Das deutsche Wort für „Prothese“ ist Kunstbein, denn früher wurde dafür Holz oder Metall verarbeitet, woher auch der Begriff Holzbein rührt.
Heute werden natürlich, entsprechend dem Stand der Technik, auch viele andere Materialien bei der Herstellung von Prothesen verwendet, z.B. Karbonfaser Laminate, thermoplastische Kunststoffe und Titan, denn es gilt heute mehr denn je, auch den kosmetischen Aspekt nicht zu vernachlässigen, sowie ein Optimum an Funktionalität und Tragekomfort zu gewährleisten.
Aufgrund modernster Modelartechnik ist es heute möglich, einen großen Beitrag zur Lebensqualität amputierter Patienten durch individuelle Anpassung von Prothesen zu leisten. Unsere große Erfahrung und die passgerechten und auf den Einzelnen angepassten Ober-, Unter- und Knie-Ex-Prothesen, geben den Patienten die Sicherheit und das Selbstvertrauen, mit ihrer Prothese ein Stück Normalität zurückzubekommen - soweit dies eben halt möglich ist. Das gleiche gilt für die Herstellung von Orthesen, die individuell, nach den neusten medizinischen Erkenntnissen und mit modernster Technik, in unserer Werkstatt für jeden Patienten angepasst werden.
26gesundheit: Wie gehen Sie mit der mentalen Seite der Patienten um? Hier gibt es doch sicherlich die unterschiedlichsten Problematiken?
Simon Hutter: Wer durch einen Unfall einen Arm oder ein Bein eingebüßt hat, fühlt sich oft verloren und nicht mehr als vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft. Natürlich versuchen wir jedem Patienten die Versorgung mit einer Prothese so angenehm wie möglich zu machen. Dazu dienen z.B. unsere großzügig gestalteten Räume, in denen sich der Betroffene zur Gipsabnahme, Anprobe und zur Gehschule einfindet. Durch unseren Komplettservice wird dem Patienten viel Zeit erspart. Änderungen und Anpassungen können in einer ruhigen Atmosphäre von unseren Technikern direkt vorgenommen werden. Der Patient hat in unserem Hause immer Hilfe um sich herum - Hilfe die unterstützt und fördert aber nicht bemitleidet.
Neben unserem technischen und präzisen Handwerk bieten wir unseren Patienten natürlich auch das neueste Know-How der Orthopädiebranche, wie z.B. die Versorgung mit dem ersten elektronisch gesteuerten Kniegelenk C-leg, dem L.A.S.A.R. Posture der Firma Otto Bock oder dem Scan-Cam-System der Firma Bauerfeind, mit dem sich jeder Prothesenschaft individuell am Computer modellieren lässt.
26gesundheit: Elektronisch gesteuerte Kniegelenke? Was kann man sich darunter vorstellen?
Simon Hutter: Wie schon gesagt, gehört das C-Leg von der Firma Otto Bock zu den ersten elektronisch gesteuerten Kniegelenken mit Softwarekonfiguration. Die entscheidenden technischen Komponenten des Prothesengelenks sind zwei Servomotoren, welche zwei Ventile steuern und diese auf und zu regeln. Außerdem gibt es Sensoren im Fußbereich, die je nach Belastung des Fußes, der Fußspitze oder der Ferse entsprechende Informationen an einen Computerchip liefern. Dieser wiederum steuert die Servomotoren und damit die Bewegung des Kniegelenks.
Mit Hilfe eines Computers lassen sich individuelle Feinabstimmungen hinsichtlich Schwungphase, Bremsverhalten, Streckung usw. vornehmen. Eine mechanische Bremse (wie bei vielen anderen Modellen) existiert bei diesem Kniegelenk nicht.
Es verfügt über einen Computeranschluss, der einen elektronischen Zugang zum C-Leg ermöglicht. Damit lassen sich bestimmte Eigenschaften des Kniegelenkes einstellen, die Komfort und Sicherheit beim Gehen erhöhen.
26gesundheit: Und was bedeutet L.A.S.A.R. Posture?
Simon Hutter: Das L.A.S.A.R. Posture bestimmt genau und schnell die Position der Körperschwerpunktlinie einer stehenden Person. Weiterhin ermittelt es Ihr Gewicht oder zeigt die Kraft und den Kraftverlauf entlang eines Beines an. Die mit bloßem Auge nicht sichtbare, statisch wirkende Stützkraft wird mit einem aufgefächerten Laserstrahl auf den Körper projiziert. Dadurch können z.B. die Körperhaltung oder der statische Aufbau von orthopädischen Heil- oder Hilfsmitteln direkt am Patienten überprüft werden.
Das L.A.S.A.R. Posture wird auch in der Orthetik zur Haltungs- und Stabilitätsoptimierung eingesetzt. Körper-Statik-Änderungen durch Beinlängenausgleich und Einlagengestaltung oder Schuhzurichtungen werden unmittelbar sichtbar.
26gesundheit: Bleibt noch das Scan Cam System. Welche Bewandnis hat es damit?
Simon Hutter: Es ist einfach zu bedienen, präzise und schnell - das Scan Cam System erleichtert Orthopädie-Technikern die Arbeit nachhaltig und sorgt für eine hohe Akzeptanz und Zufriedenheit beim Patienten. Mit dem System lässt sich der Prothesenschaft nicht nur besonders leicht individuell modellieren; dank der gespeicherten Patientendaten kann auch jederzeit ein exaktes Positiv gefräst werden.
26gesundheit: Sie können also sofort sehen, wie eine Prothese gefertigt sein muss, um nicht nur passgenau zu sein, sondern dem Patienten so viel Lebensqualität wie möglich zurückzugeben?
Simon Hutter: Richtig. Darüber hinaus dienen den Orthopädie-Technikern die erfassten Patientendaten zur transparenten und verlässlichen Dokumentation, die zur Vorlage beim Kostenträger verwendet werden kann.